Wenn Verwirrte nicht mehr heimfinden

26. August 2014

von Franziska Feinäugle, hast


Suche nach davongelaufenen Dementen ist inzwischen Hauptaufgabe der Rettungshundeteams

In Trümmern Verschüttete aufspüren – das war einmal. In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, ist inzwischen eine ganz andere Art der Suche zu den Hauptaufgaben der Rettungshundestaffel Unterland geworden: Demente laufen davon und finden nicht wieder zurück nach Hause oder in ihr Altenheim. Über diese Herausforderung für Suchteams und Angehörige sprach unsere Redakteurin Franziska Feinäugle mit den Rettungshundeführern Walter Baer und Claudia Reiner.

Warum laufen demente Menschen so häufig davon?

Claudia Reiner: Weil sie eine große innere Unruhe haben, in der sie dann auch motorisch überaktiv sind und einen großen Bewegungsdrang haben.

Es geht also eigentlich ums Laufen, nicht ums Davonlaufen?

Walter Baer: Genau. Oft hören wir von Angehörigen, dass der Demente immer wieder dieselbe Strecke unterwegs war. Aufgrund der Demenz kann dieses Gewohnheitsverhalten sich plötzlich ändern, und der Betroffene findet den Weg nicht mehr.

Das Problem ist also, dass sich der Betroffene ganz unerwartet verhält?

Reiner: Richtig, das ist das Problem. Was uns bei der Suche hilft, ist, wenn uns Angehörige Anlaufstellen des Vermissten nennen können. Oft ist ja das Langzeitgedächtnis noch vorhanden, dann werden zum Beispiel ehemalige Arbeitsstellen oder der geliebte frühere Schrebergarten zum Ziel. An diesen Stellen suchen wir dann zuerst. Bei unserem jüngsten Einsatz rund um den Wunnenstein hatten wir leider keinen dieser Anhaltspunkte, und so führte die anstrengende „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“ bei schlechten Witterungsbedingungen leider bisher zu keinem Erfolg.

Wie weit kommt denn ein dementer Mensch auf solchen Abwegen?

Baer: Weit! Man verbindet mit dem Stichwort Demenz gern starke körperliche Einschränkungen, aber das stimmt oft nicht. Die Betroffenen sind meistens beachtlich gut zu Fuß. Da kann einer

problemlos viele Kilometer weit laufen. Reiner: Wir hatten auch schon einen Einsatz, da saß die vermisste Person im Zug nach Rumänien. Sie hatte sich an die frühere Heimat erinnert und sich am Bahnhof bei der Ticketausgabe helfen lassen. Man muss sich wundern, was Demente trotz Beeinträchtigung teilweise noch zustande bringen. Baer: Und dann sitzt die Person im Zug und weiß gar nicht mehr, warum sie da eigentlich sitzt.

Was bedeutet die Demenz für den Moment, in dem Sie die Person finden? Wie gehen Sie mit ihr um?

Baer: Es ist ganz wichtig, dass wir die Person in ihrer Welt abholen, behutsam auf sie eingehen. Vorsichtig Körperkontakt aufnehmen. Reiner: In unserer jährlichen Erste-Hilfe-Ausbildung werden wir für diese Situationen auch geschult.

Wie stellen sich die Hunde auf diese Suchsituation ein?

Reiner: Für den Hund ist es schwierig, wenn die vermisste Person läuft. Deshalb ist es wichtig, sogenannte Opferbilder zu trainieren. Wir stellen im Training bestimmte Auffindesituationen nach: Betrunkene, alte Menschen mit Rollator, Hochverstecke, ängstliche Personen und so weiter. So bekommt der Hund die Sicherheit, auch in Situationen, die für ihn unklar sind, sicher und souverän anzuzeigen.

Was macht der Hund, wenn er den gesuchten Dementen entdeckt?

Baer: Wir brauchen vom Hund eine ganz sichere Anzeige, ein Bellen. Der Hund muss eine hohe Selbstsicherheit haben und darf sich nicht irritieren lassen. Manche Demente haben Angstzustände, wenn ein Hund auf sie zukommt. Es kann auch sein, der Gesuchte schlägt nach dem Hund. Der Hund darf sich trotzdem nicht einschüchtern oder gar vertreiben lassen. Er muss so lang bellen, bis sein Hundeführer bei ihm ist.

Wann sollen Angehörige oder Heimleitung Sie zu Hilfe rufen?

Baer: Für uns ist es wichtig, so früh wie möglich alarmiert zu werden. Oft suchen Angehörige auf eigene Verantwortung bis zum Einbruch der Dunkelheit. Je nach Jahreszeit und Temperatur kann der Zeitfaktor für den Vermissten aber schnell zum Problem werden. Viele sind krankheitsbedingt von vornherein geschwächt, ihre Widerstandskraft, die ja über Überleben und Ableben entscheiden kann, ist minimal. Unsere Hilfe kann jederzeit kostenlos über die Polizei angefordert werden – lieber einmal zu oft als zu spät.

Gibt es überhaupt Möglichkeiten, solche Vermisstenfälle zu verhindern? Die Betroffenen einzusperren, kann ja keine Lösung sein.

Reiner: Die Demenzstationen der Altenheime können heutzutage von den Betroffenen nicht mehr ohne weiteres verlassen werden, so dass ein Weglaufen oft verhindert werden kann.

Baer: Im privaten Bereich ist es sehr schwierig. Wer will für seine Angehörigen entscheiden, wo ihre persönliche Freiheit aufhören soll? Das ist eine schwierige Frage. Es wird zukünftig immer wieder Situationen geben, wo wir als Staffel zur Suche gerufen werden.

Bild: Walter Baer und Claudia Reiner mit Rettungshund Bungee auf dem Trainingsplatz: Die Hunde dürfen sich nicht irritieren lassen, wenn der Gesuchte Angst bekommt und nach ihnen schlägt; die Hundeführer werden ebenfalls gezielt geschult. (Foto: Feinäugle)